CD: El Manisero

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(RELEASE: 08.10.2021)

feat.:

Carlos Barbosa-Lima: Gitarre
Johannes Tonio Kreusch: Gitarre
* special guest: Cornelius Claudio Kreusch: Klavier


Tracks

Moisés Simons
1. El Manisero*

Luiz Bonfá
2. Manhã de Carnaval*

Agustín Lara
3. Solamente una vez

Antônio Carlos Jobim
4. Canta Mais

Manuel Esperón
5. Ay, Jalisco no te rajes*

Antônio Carlos Jobim
6. Por Causa de Você

Alfredo Viana (Pixinguinha)
7. Rosa

Quirino Mendoza y Cortés
8. Cielito Lindo

Alberto Ginastera
9. Danza Criolla

Alberto Ginastera
10. Danza Criolla III

Alberto Ginastera
11. Gato

Heitor Villa-Lobos
12. Sentimental Melody

Manuel María Ponce
13. Estrellita*

All arrangements by Carlos Barbosa-Lima

Weitere Informationen und Hörproben finden Sie unter:
https://www.glm.de

über: El Manisero

Allzu lange hat man in Deutschland Musik in Schubladen gesteckt. In E- und U-Musik, in komponierte Klassik und improvisierten Jazz, in allerlei Anglizismen von traditional-roots-music bis modern-contemporary-avantgarde. Die akustische Gitarre fiel dabei oft genug durchs Raster und landete so in einer eigenen Nische, einer Veranstalter-Parallelwelt. Das alles ist die einzig mögliche Erklärung dafür, dass der 76-jährige Carlos Barbosa-Lima hierzulande bis heute kaum bekannt ist. Ist er doch niemand, der die Schubladen bedient hätte, sondern ein Mann, der nicht nur in der Musica Populeira seiner Heimat Brasilien, sondern auch im Latin-Jazz Nordamerikas und in der weltweiten Gitarristen-Szene eine Legende ist. Der in seiner Heimatstadt Sao Paulo schon in den Fünfzigerjahren als Wunderkind galt, mit 13 debütierte, mit 16 in die Welt auszog, in Spanien mit dem Giganten der klassischen Gitarre Andrés Segovia und später in New York – lange Zeit seine „Home Base“ – mit Antonio Carlos Jobim arbeitete, dem Erfinder des Bossa Nova. Der bis heute mehr als 100 Alben eingespielt hat, in verschiedenen Genres, aber immer geprägt von seinem eigenen, einzigartigen, brasilianisch grundierten Stil. Und der in den bedeutendsten Sälen der Welt konzertiert hat, zum Beispiel mit 21 das erste Mal in der Carnegie Hall.

Die perfekte Gelegenheit, Carlos Barbosa-Lima kennenzulernen, bietet nun sein erstes Album bei GLM „El Manisero“. Zu entdecken ist da nicht nur sein unverwechselbares Spiel auf den Saiten, das so gleichberechtigt auf Rhythmik und Melodik fußt wie bei wenigen anderen Gitarristen und stets mit ungewöhnlichen harmonischen Wendungen oder kontrapunktischen, polyphonen Erweiterungen (mit entsprechend extravaganten Griffen) überrascht. Es tritt einem hier auch einer der begnadetsten und einflussreichsten Arrangeure entgegen. Mit mehr als tausend Transkriptionen und Arrangements hat Carlos Barbosa-Lima das Gitarrenrepertoire auf einzigartige Weise bereichert, er inspirierte viele große Komponisten, Werke für die Gitarre zu schreiben. Hier demonstriert er diese Meisterschaft zum einen auf seinem ureigensten Feld: bei einem Spaziergang durch den Kosmos weltberühmter lateinamerikanischer Stücke. Und zum anderen damit, dass er diese allesamt neu und eigens für ein Gitarrenduett mit seinem Freund Johannes Tonio Kreusch arrangiert hat.

Kreusch, selbst eine anerkannte Größe der klassischen Gitarrenszene, ist hier freilich viel mehr als nur ein musikalischer Duett-Partner. Während seines Studiums an der Juilliard School in New York hat er bei Barbosa-Lima den entscheidenden Einblick in die lateinamerikanische Musik bekommen und wurde selbst einer ihrer wichtigen Interpreten. Schon sein Debüt verblüffte mit einer – soeben neu aufgelegten – revolutionären Heitor Villa-Lobos-Einspielung, die durch ihre Genauigkeit und Kreuschs Einfühlungsvermögen in dessen musikalische Vorstellungswelt nach wie vor als Meilenstein gilt. Seit langem arbeitet Kreusch auch mit Komponisten wie dem Kubaner Tullio Peramo Cabrera oder dem Argentinier Maximo Diego Pujol zusammen, die ihm Stücke auf den Leib schreiben.

Vor allem aber hat sich Kreusch selbst nie mit musikalischen Schubladen anfreunden können. Schon die klassische Ausbildung empfand er als (musik)weltfremd, so experimentierte er früh mit dem Gitarrenklang und fand – mithilfe seines Bruders, des Jazzpianisten Cornelius Claudio Kreusch – auch den Weg zur Improvisation. Nach und nach versuchte er auch von der anderen Seite her, der Gitarre mehr Aufmerksamkeit und Breite zu verschaffen: als Organisator und Veranstalter. Als er vor 16 Jahren das Angebot bekam, die künstlerische Leitung des beschaulichen Gitarrenfestivals in Hersbruck im Nürnberger Land zu übernehmen, sah er dafür eine weitere Chance. Mit dem damals ganz neuen Ansatz, alle Genres und Stile einzubinden, machte er das Festival nach und nach zu einem der international angesehensten und bedeutendsten. Kein Zufall also, dass Carlos Barbosa-Lima hier 2011 sein Deutschland-Debüt feierte und inzwischen zu den absoluten Publikumslieblingen gehört.

Kreusch und Barbosa-Lima sind also das perfekte Gespann, um selbst noch die bekanntesten Ohrwürmer der lateinamerikanischen Musik wie das Titel-gebende „El Manisero“ von Moisés Simons, „Rosa“ vom brasilianischen Vorgänger und Choro-Großmeister Pixinguinha oder Manuel María Ponces „Estrellita“ völlig neu erklingen zu lassen, frisch, lebendig und mit einem ganz persönlichen. Was auch daran liegt, dass Barbosa-Lima vor allem Stücke aussuchte, zu denen er seit langem eine starke individuelle Beziehung pflegt. Zum berühmten „Manhã de Carnaval“ beispielsweise, einem der Hits von Luiz Bonfá aus der Zeit, als der blutjunge Barbosa-Lima dem damaligen Star persönlich vorgestellt wurde. Oder natürlich zu den Antônio Carlos Jobim-Songs „Canta Mais“ und „Por Causa de Você“, die der gemeinsamen Arbeit entsprangen. Schließlich ist auch kein Zufall, dass drei Stücke des Albums von Alberto Ginastera stammen: Die Zusammenarbeit mit dem argentinischen Komponisten war wohl eine der befriedigendsten und erfolgreichsten für Barbosa-Lima und gipfelte 1976 in Ginasteras ihm gewidmeter Sonata op. 47, die zu einer Wegmarke der klassischen Gitarrenliteratur wurde.

All dies rundet sich auf „El Manisero“ unter Barbosa-Limas wachem, unbestechlich immer auf das für das jeweilige Stück Sinnvollste fokussierten Geist zu einem unwiderstehlichen Genuss. Die Arrangements durchdringen die Stücke als intellektuelle Herausforderung, ohne je schwer zu werden. Barbosa-Lima verschafft ihnen im völlig gleichberechtigten Spiel der Gitarren eine enorme Variabilität und lässt ihnen viel Raum – soviel Raum, dass bei vier Songs auch der Produzent des Albums, Cornelius Claudio Kreusch als special guest mit spontanem, sparsamen Klavierspiel Fülle und Glanz beisteuern kann. Von heiter bis melancholisch, von verspielten Pizzicati bis zu lyrischen Legati, von purem Wohlklang bis zu spannungsvoll Dissonantem, von wuchtigem Unisono bis zum wirbelnden Frage- und Antwortspiel reicht die Palette, stets filigran ausgebreitet und der ganzen Ausdruckskraft der Gitarre verpflichtet. „El Manisero“ ist ein Meisterwerk aus Meisterhänden. Eines, das alle Schubladen sprengt.

Oliver Hochkeppel

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